Die Mus­ku­la­tur erin­nert sich trotz­dem noch.

 Beat löst die Schulter beim Pferd

Bevor du anfängst zu lesen:

Machen wir einen klei­nen Selbst­test. Lass jetzt bewusst dei­ne Schul­tern fal­len.
Lass dein Gesicht los:
Augen, Wan­gen, Kie­fer. Atme kurz aus.

Du wirst gleich erkennen, was deine Muskulatur die ganze Zeit mit dir macht, ohne dass du es weisst. Dann lies weiter.

Die Tierärztin gab das GO!

Wochen nach dem unauf­fäl­li­gen Befund ruft Demer­as Besit­ze­rin an.
Die Tier­ärz­tin war zufrie­den, die Ver­let­zung aus­ku­riert, kei­ne Scho­nung mehr nötig.
Und doch stimmt irgend­et­was noch nicht. Die Besit­ze­rin kann es nicht genau benen­nen, aber sie erkennt es: Demera bewegt sich nicht mehr so wie frü­her.
Ich kom­me, beob­ach­te und mein Blick geht wei­ter als der Befund:
nicht ein­zel­ne Struk­tu­ren, son­dern den gesam­ten Bewe­gungs­ab­lauf.
Wie geht der Kör­per mit?
Wo weicht er aus?
Was kom­pen­siert er noch immer?
Und genau da erken­ne ich, dass die Mus­ku­la­tur noch nicht ver­ges­sen hat.

Das ist kein Zei­chen, dass etwas über­se­hen wur­de. Es ist ein Zei­chen, dass der Kör­per etwas gespei­chert hat.

Was im Mus­kel selbst passiert

Ein Mus­kel, der über Wochen oder Mona­te im Schutz­mo­dus war, ver­än­dert sich struk­tu­rell. Die Mus­kel­fa­sern kür­zen sich durch anhal­ten­de Kon­trak­ti­on. Fas­zi­en – das Bin­de­ge­we­be um die Mus­ku­la­tur – ver­lie­ren ihre Gleit­fä­hig­keit und wer­den dich­ter. Das nennt sich myo­fas­zia­le Verdichtung.

Gleich­zei­tig ver­lie­ren Mus­keln, die kaum akti­viert wur­den, an Koor­di­na­ti­on. Das Gehirn „ver­gisst” sie nicht – aber der Ansteue­rungs­weg wird schwä­cher, weil er nicht benutzt wur­de. In der Neu­ro­lo­gie spricht man von ver­min­der­ter kor­ti­ka­ler Repräsentation.

1
Schmerz oder Ver­let­zung entsteht
2
Ner­ven­sys­tem baut Schutz­mus­ter auf
3
Mus­ter wird als „nor­mal” gespei­chert – und bleibt

Das Nervensystem schützt.

Immer. Sofort.
Wenn ein Tier Schmerz hat durch Ver­let­zung, Ent­zün­dung oder Über­las­tung, reagiert das Ner­ven­sys­tem in Mil­li­se­kun­den.
Das Gehirn erhält über Schmerz­re­zep­to­ren ein Signal und ant­wor­tet sofort:
Bestimm­te Mus­keln wer­den akti­ver, zie­hen sich zusam­men, stüt­zen das betrof­fe­ne Gebiet. Ande­re wer­den gedros­selt, damit der Bereich ent­las­tet wird.
Die­ser Vor­gang läuft voll­stän­dig unbe­wusst ab, das Tier ent­schei­det das nicht. Der Kör­per tut es automatisch.

Soweit, so sinnvoll.

Das Pro­blem ent­steht danach.
Der Kör­per lernt und ver­gisst nicht von selbst

Das Ner­ven­sys­tem spei­chert Bewe­gungs­mus­ter. Was ein­mal funk­tio­niert hat, wird als Pro­gramm behal­ten, in der Neu­ro­lo­gie nennt man das moto­ri­sches Engramm.
Es läuft auto­ma­tisch ab, ohne dass der Kör­per dar­über nach­denkt. Das Schutz­mus­ter, das wäh­rend der Ver­let­zung sinn­voll war, läuft also wei­ter. Auch wenn der Aus­lö­ser längst weg ist.

Was du erkennen kannst

Zieht dein Tier beim Lau­fen leicht nach einer Sei­te? Tritt es kür­zer auf einer Hin­ter­hand? Gibt es eine Rich­tung, in die es weni­ger ger­ne geht?
Das sind kei­ne Zufäl­le das sind Erin­ne­run­gen des Ner­ven­sys­tems. Schon­hal­tun­gen, die ein­mal sinn­voll waren und jetzt ein­fach da sind, ein­gra­viert ins Bewe­gungs­sys­tem. Egal ob Hund, Pferd oder ande­res Tier.

Das Ner­ven­sys­tem bewer­tet Bewe­gungs­mus­ter nach Sicher­heit, nicht nach Kor­rekt­heit. Ein Mus­ter, das Schmerz ver­hin­dert hat, gilt als sicher und wird bei­be­hal­ten, bis neue Erfah­run­gen das Gegen­teil zei­gen. Der Kör­per muss buch­stäb­lich neu ler­nen, dass die alte Schutz­re­ak­ti­on nicht mehr nötig ist.

Pause alleine reicht nicht

Ruhe hebt den ursprüng­li­chen Scha­den auf. Aber sie über­schreibt das Mus­ter nicht. Was das Ner­ven­sys­tem gelernt hat, muss es auch wie­der umler­nen und dafür braucht es geziel­te Rei­ze, Wie­der­ho­lung und Zeit.

Geziel­te Arbeit an Mus­ku­la­tur und Fas­zi­en gibt dem Ner­ven­sys­tem neue sen­so­ri­sche Infor­ma­tio­nen. Der Kör­per erkennt: Die­se Stel­le ist sicher. Die­se Bewe­gung ist mög­lich. Die Mus­keln dür­fen los­las­sen, die ande­ren dür­fen wie­der arbei­ten. Das ist kei­ne Magie, das ist ange­wand­te Neurologie.

Des­halb ist Nach­sor­ge kein Luxus. Sie ist der Teil der Arbeit, den vie­le über­se­hen, weil das Tier ja wie­der nor­mal wirkt.

Jetzt kurz innehalten

Waren dei­ne Schul­tern noch hoch­ge­zo­gen? War dein Kie­fer angespannt?

Du hast es beim Lesen ver­ges­sen und bist unmerk­lich wie­der in dein altes Mus­ter zurück­ge­glit­ten. Genau das pas­siert dei­nem Tier täg­lich. Nicht aus Absicht. Der Kör­per hat gelernt und erin­nert sich trotz­dem noch.

Schreib es in die Kom­men­ta­re: Waren dei­ne Schul­tern oben? Und erkennst du das­sel­be bei dei­nem Tier? 

Wenn du erkennst, dass dein Tier sich nach einer Ver­let­zung noch nicht wie­der ganz wie frü­her bewegt: Das ist kein Zufall. Es ist ein Hin­weis, dass das Ner­ven­sys­tem noch eine alte Geschich­te erzählt.

Und manch­mal braucht es jeman­den, der ihm hilft, eine neue zu schreiben.